Wichtig
Dieser Artikel erklärt Begriffe. Er ersetzt weder den aktuellen Lawinenlagebericht noch eine Lawinenausbildung und sagt nichts darüber, ob ein bestimmter Hang heute befahrbar ist. Abseits gesicherter Pisten entscheidest du selbst – mit Lagebericht, Ausbildung, Notfallausrüstung und Verzicht als Option.
Eine Skala für ganz Europa
Die Lawinenwarndienste in Europa verwenden eine gemeinsame, fünfstufige Gefahrenskala. Sie wird von den europäischen Lawinenwarndiensten (European Avalanche Warning Services, kurz EAWS) gepflegt und gilt in Österreich, Bayern, Südtirol, der Schweiz und den übrigen Alpenländern gleich. Eine „3“ in Tirol meint also dasselbe wie eine „3“ in Bayern.
Die Stufe ist eine regionale Prognose. Sie ergibt sich aus drei Fragen: Wie stabil ist die Schneedecke? Wie häufig sind schwache Stellen im Gelände verteilt? Und wie groß können Lawinen werden? Aus diesen Faktoren leiten die Warndienste mit einer gemeinsamen Matrix die Stufe ab. Die Stufe beschreibt damit ein ganzes Gebiet, nicht einen einzelnen Hang.
Die fünf Stufen im Überblick
Die folgenden Kurzbeschreibungen fassen die Definitionen der EAWS und der Lawinenwarndienste zusammen. „Steilhang“ meint dabei Gelände ab etwa 30 Grad Neigung.
| Stufe | Was sie bedeutet |
|---|---|
| 1gering | Die Schneedecke ist allgemein gut verfestigt. Lawinen sind meist nur mit großer Zusatzbelastung an vereinzelten, extrem steilen Stellen auszulösen. In extrem steilem Gelände kann aber schon eine kleine Lawine zum Absturz führen. |
| 2mäßig | An einigen Steilhängen ist die Schneedecke nur mäßig verfestigt. Auslösungen sind vor allem bei großer Zusatzbelastung möglich, besonders an den im Bericht genannten Hängen. Sehr große spontane Lawinen sind nicht zu erwarten. Alarmzeichen fehlen oft. |
| 3erheblich | An vielen Steilhängen ist die Schneedecke mäßig bis schwach verfestigt. Schon eine geringe Zusatzbelastung kann Lawinen auslösen, auch aus der Ferne. Wummgeräusche sind typisch, einzelne große spontane Lawinen möglich. |
| 4groß | An den meisten Steilhängen ist die Schneedecke schwach verfestigt. Auslösungen sind schon bei geringer Zusatzbelastung an vielen Steilhängen wahrscheinlich, Fernauslösungen typisch. Spontan sind viele große, teils sehr große Lawinen zu erwarten. |
| 5sehr groß | Die Schneedecke ist weitgehend instabil. Viele sehr große und extrem große spontane Lawinen sind zu erwarten, auch in mäßig steilem Gelände, und sie können bis in Tallagen reichen. Diese Stufe wird selten ausgegeben. |
Zwei Begriffe kommen in jedem Lagebericht vor. Geringe Zusatzbelastung ist zum Beispiel ein einzelner Skifahrer oder Snowboarder, der weich fährt und nicht stürzt, ein Schneeschuhgeher oder eine Gruppe mit mindestens zehn Metern Abstand. Große Zusatzbelastung sind etwa zwei oder mehr Personen ohne Abstand, ein einzelner Fußgänger oder eine Sprengung.
Warum Stufe 3 so oft unterschätzt wird
Die Skala ist keine Schulnote, bei der die Mitte „halb so schlimm“ ist. Laut EAWS wird Stufe 2 an etwa der Hälfte der Wintertage ausgegeben, Stufe 3 an etwa 30 Prozent und Stufe 1 an etwa 20 Prozent; Stufe 4 kommt nur an wenigen Tagen pro Winter vor. Bei den Lawinentoten sieht die Verteilung anders aus: Rund die Hälfte stirbt bei Stufe 3, etwa 30 Prozent bei Stufe 2, rund 10 Prozent bei Stufe 4 und etwa 5 Prozent bei Stufe 1.
Der Grund: Bei „erheblich“ ist die Lage schon gefährlich, wirkt aber oft harmlos – gutes Wetter, frischer Schnee, viele Leute unterwegs. Und bei „mäßig“ fehlen die Alarmzeichen, obwohl einzelne Hänge kritisch sein können, vor allem wenn ein Altschneeproblem besteht.
Lawinenprobleme und Gefahrenmuster
Die Stufe sagt, wie gefährlich es ist. Das Lawinenproblem sagt, warum – und damit, wo und wann die Gefahr steckt. Die EAWS unterscheidet fünf typische Lawinenprobleme:
- Neuschnee – die Last des frischen Schnees ist der entscheidende Faktor. Kritisch während und kurz nach dem Schneefall.
- Triebschnee – Wind verfrachtet lockeren Schnee und lagert ihn als Schneebrett ab, meist in windabgewandten Hängen, Rinnen, Mulden und hinter Kämmen. Mehr dazu im Artikel Neuschnee und Windverfrachtung.
- Altschnee – schwache Schichten tief in der Schneedecke, etwa aus kantigen Kristallen oder eingeschneitem Oberflächenreif. Sie können wochen- bis monatelang bestehen, sind schwer zu erkennen und werden meist von Personen ausgelöst.
- Nassschnee – Schmelzwasser oder Regen schwächen die Schneedecke. Oft tageszeitabhängig, mit steigender Gefahr im Lauf des Tages.
- Gleitschnee – die ganze Schneedecke gleitet auf glattem Untergrund wie Gras oder Fels ab. Gleitschneerisse („Fischmäuler“) sind ein Warnzeichen; der Zeitpunkt des Abgangs ist kaum vorherzusagen.
Der Tiroler Lawinenwarndienst und andere Dienste in Österreich, Bayern und Südtirol beschreiben die Lage zusätzlich mit zehn Gefahrenmustern, die wiederkehrende Unfallsituationen benennen – etwa „bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter“, „Regen“, „kalt auf warm / warm auf kalt“, „lockerer Schnee und Wind“, „schneearm neben schneereich“ oder „Frühjahrssituation“.
Wichtig im Lagebericht sind außerdem Höhenlage und Exposition: Eine Region kann unterhalb einer Höhengrenze eine andere Stufe haben als darüber. Bei tageszeitlichen Änderungen, typisch im Frühjahr, zeigt der Euregio-Lawinenreport getrennte Karten für Vormittag und Nachmittag.
Wo du den amtlichen Lagebericht findest
Lawinenwarnung ist in Österreich Sache der Bundesländer. Maßgeblich ist immer der Bericht des Warndienstes, der für die Region zuständig ist:
- Tirol, Südtirol und Trentino: der gemeinsame Euregio-Lawinenreport auf lawinen.report (englisch avalanche.report). Im Winter erscheint er täglich um 17 Uhr für den Folgetag, mit einer Aktualisierung um 8 Uhr.
- Salzburg: lawine.salzburg.at
- Kärnten: lawinenwarndienst.ktn.gv.at
- Steiermark: lawine-steiermark.at
- Oberösterreich: Lawinenwarndienst Oberösterreich
- Niederösterreich: lawinenwarndienst-niederoesterreich.at
- Vorarlberg: vorarlberg.at/lawine
- Ganz Österreich auf einer Karte: lawinen.at, gemeinsam von den Warndiensten der Länder
- Bayern: Lawinenwarndienst Bayern – im Winter täglich um 17 Uhr, gültig für die nächsten 24 Stunden
- Schweiz: das Lawinenbulletin des SLF
Außerhalb der Wintersaison gibt es meist keine tägliche Gefahrenkarte; der Euregio-Lawinenreport informiert dann zum Beispiel über Blogbeiträge. Kein Bericht heißt nicht, dass keine Gefahr besteht – gerade früher Schnee im Herbst auf Gletschern und im Hochgebirge wird leicht unterschätzt.
Die Lawinenstufe in Kaiserwetter Ski
Kaiserwetter Ski
Kaiserwetter Ski zeigt für jedes seiner 118 Skigebiete die Lawinenstufe direkt vom amtlichen Warndienst, mit Herausgeber, Gültigkeit und Link zum vollständigen Lagebericht. Gibt es keinen gültigen Bericht, zeigt die App keine Stufe – sie schätzt nie selbst. Für Favoriten kannst du dir eine Mitteilung schicken lassen, sobald die amtliche Stufe 3 oder höher erreicht.
Die Stufe ist ein Hinweis zum Weiterlesen, kein Freibrief: Für Varianten und Touren zählt der ganze Lagebericht.
Kurz zusammengefasst
- Die Stufe ist eine Prognose für eine Region, kein Urteil über einen einzelnen Hang.
- Lies immer auch Lawinenproblem, Höhenlage, Exposition und den Text des Berichts.
- Bei Stufe 2 und 3 passieren die meisten tödlichen Unfälle.
- Geöffnete, markierte Pisten sichert der Betreiber; abseits davon gilt das nicht.
- Für Gelände abseits der Pisten gehören Lawinenverschüttetensuchgerät, Schaufel, Sonde und eine Ausbildung dazu, etwa bei den alpinen Vereinen.
Quellen
- EAWS: Avalanche Danger Scale (Stufen, Häufigkeit, Anteil der Todesopfer)
- EAWS: Typical Avalanche Problems
- EAWS: Glossar (Zusatzbelastung)
- Lawinenwarndienst Bayern: Lawinengefahrenstufen und Lawinenprobleme
- Euregio-Lawinenreport: Handbuch (Ausgabezeiten, Höhen- und Tageszeitunterschiede)
- Land Tirol: Täglicher Euregio-Lawinenreport startet in achte Wintersaison
- Bergwelten: Die 10 Gefahrenmuster (nach R. Mair und P. Nairz, Lawinenwarndienst Tirol)
- Websites der Lawinenwarndienste wie oben verlinkt, abgerufen im November 2026